Auf dem Appellplatz

Tagesablauf

Auf dem Appellplatz fand dreimal am Tag ein Zählappell statt. Morgens, mittags und abends kontrollierte ein SS Blockführer,einer der Aufseher des Lagers die Anwesenheit der Häftlinge. Im günstigen Fall gab der Rapportführer das Kommando: “ Das Ganze Stillgestanden! Mützen ab!“. Anschließend folgte der Befehl des Lagerältesten “ Rechts und links im Gleichschritt!“. Dabei mussten die Häftlinge einen Marsch antreten. Allerdings sah das Ganze bei Kranken und Verletzten, die nach Arbeitsende erst in den Krankenbau gebracht wurden, anders aus. Daher befahl der Lagerführer allen Kranken und Verletzten, die zwei Stunden vor dem Appell nicht in den Krankenbau gebracht wurden, mit antreten zu lassen, auch Tote oder Sterbende.

Die jüdischen Neunankömmlinge, die in Folge der Reichpogromnacht inhaftiert vom 9. November 1938 inhaftiert wurden, mussten teilweise bis zu 18 Stunden auf dem Appellplatz stehen. Die Häftlinge, die zuerst ankamen, wurden als die „Glücklichen Ersten“ bezeichnet und mussten nur 8 Stunden auf dem Appellplatz ausharren, was im Gegensatz zu durchschnittlich 16-18 Stunden verhältnismäßig wenig ist. Die Häftlinge bekamen dabei nichts zu essen oder zu trinken und trugen auch im Winter keine Mützen, was auch zu einigen Todesfällen führte.

Misshandlungen und Leiden während des Appells

Der Ablauf des Appells war stark durch die Laune des SS Blockführers geprägt. Er achtete darauf, dass die Reihen scharf ausgerichtet waren. Wenn dies nach seiner Auffassung nicht gegeben war, folgten Strafmaßnahmen. Oftmals entlud er seine Aggressionen an den Häftlingen.

Fehlte einer der Häftlinge, wurde stundenlang gestanden bis die Fehler oder Differenzen bei der Zählung aufgeklärt wurden. War ein Häftling sogar geflohen, mussten alle stehen bleiben, bis er wieder eingefangen war. Im Extremfall standen sie bis zu 14 Stunden. In kalten Monaten kostete dies viele Menschenleben.

Abschreckung und Einschüchterung

Oftmals erfolgte die Prügelstrafe sichtbar vor den zum Appell angetretenen Häftlingen. Dabei wurden auf die Häftlingskörper eingeschlagen bis die Haut aufplatze. Daraus resultierten teilweise schwere Nierenschäden . Die Opfer mussten die Schläge der Peitsche laut mitzählen. Verzählte sich einer, fing alles von vorne an. Selbst bei Ohnmacht wurde weiter geschlagen.

Diese Form der Abschreckung und Einschüchterung führte zu speziellen Verhaltensweisen bei den Häftlingen. So versuchten sie, möglichst nicht aufzufallen. Die Häftlinge versuchten immer mit der Masse zu laufen, da Einzelgänger der SS direkt auffielen. Da der Appellplatz von Turm A aus perfekt zu überblicken war, fühlten sich die Häftlinge ständig überwacht und achteten besonders auf ihr Verhalten, da sie der Willkür der SS vollkommen ausgesetzt waren, sobald sie einmal angesprochen wurden.

Hinrichtungen auf dem Appellplatz

Exekutionen wurden sehr häufig auf dem Appellplatz vollstreckt. So kam es, dass jede Woche oder alle 14 Tage jemand am Galgen, welcher dort immer gegenüber des Wachturms bereitstand, gehängt wurde. Vor einer solchen Hinrichtung wurde der Grund in allen Muttersprachen der anwesenden Häftlinge verkündet, meist hieß es dieser sei verurteilt wegen Hochverrat oder Vorbereitung zur Sabotage. Nach der Vollstreckung mussten die Häftlinge im geschlossenen „Parademarsch“ am Galgen vorbei marschieren und diesen betrachten.

Eine durch Harry Naujoks, selber KZ Insasse und Mitglied der KPD, dokumentierte Hinrichtung ist die des Bibelforschers August Dickmann aufgrund seiner Wehrdienstverweigerung. Diese Exekution wurde bereits im Vorhinein geplant. So wurde aus Brettern und Sandsäcken ein Kugelfang konstruiert, welcher gegenüber des Haupttors aufgestellt wurde. Am Vollstreckungstag gab es ein frühzeitiges Arbeitsende und alle Häftlinge mussten auf dem Appellplatz antreten, um die Hinrichtung zu beobachten. Dickmann wurde mit gefesselten Händen aus dem Zellenbau geführt und der Lagerkommandant gab bekannt, Dickmann würde „(…) auf Anordnung des Reichsführers SS erschossen“. Sowohl der Kugelfang als auch eine hölzerne Kiste, welche als Sarg fungierte, stand bereit. Seine Glaubensbrüder sowie auch sein richtiger Bruder mussten sich in direkter Nähe zur Hinrichtungsstelle positionieren. Mit den Worten „Dreh‘ dich um du Schwein!“ hatte sich Dickmann mit dem Rücken zu den mit Maschinengewehren und Stahlhelmen ausgerüsteten SS-Männern zu stellen. Darauf hin begann das Feuer und er brach zusammen, demonstrativ ging der Lagerkommandant nun zu ihm und schoss ihm in den Kopf, man nahm ihm nun die Handschellen ab und sein Bruder und andere Bibelforscher legten seine Leiche in den bereitstehenden Sarg. Ziel dieser Hinrichtung war, die anderen Bibelforscher einzuschüchtern und sie dazu zu bringen, sich zum Wehrdienst zu bekunden. Diese Strategie ging jedoch nicht auf, denn nur 90 von 400 Bibelforschern waren bereit ihre Unterschrift zu leisten. Einige zogen ihre Unterschrift jedoch im Nachhinein wieder zurück.
(Quellen: Interview mit Jaroslav Vrabec, Harry Naujocks: Mein Leben im KZ Sachsenhausen 1936-1942. S.142f. : öffentliche Exekution August Dickmanns)

Strafsport

Strafsport kam, wie der Name schon sagt, als Strafe für Häftlinge zum Einsatz, die sich nicht konform zu den im KZ herrschenden Regeln verhalten haben. Diese Art von Sport ist jedoch keinesfalls mit Freizeitsport zu vergleichen. Vielmehr ist sie, wie viele Methoden der SS eine körperliche Folter und eine Erniedrigung. Der Strafsport wurde ebenfalls von einem Funktionshäftling abgehalten. Dieser ging mit größter Brutalität vor, um vielleicht seinem Tod zu entgehen oder sich Linderung der Haftumstände zu verschaffen. Die Häftlinge mussten eine Stunde lang unter dem Programm, welches zum Beispiel aus dreimal 420 Meter im Hasensprung, Entenlauf, welcher den Appellplatz rauf und runter gelaufen werden musste und endlos langem Laufen bestand, leiden. Alles staubte schrecklich, wer nicht mitmachte, wurde gnadenlos geschlagen und getreten. Wer aufgrund der Prügel oder einfach aus Erschöpfung im Staub, welcher zum Großteil den Auswurf der 15000 Häftlinge beinhaltete, die bei den Appellen auf den Boden spuckten, bestand, liegen blieb, wurde weggetragen. Odd Nansen schrieb in sein Tagebuch: „Es ist jetzt drei Tage her, und ich kann mich nur mit Mühe bewegen, geschweige denn mich bücken oder hinsetzen und wieder aufstehen“.
(Quellen: Odd Nansen: Von tag zu Tag: ein Tagebuch, Hamburg 1949, S.202)

Fussball

Ab 1942 wurden in Sachsenhausen künstlerische und sportliche Veranstaltungen erlaubt, um die Arbeitsmoral der Häftlinge zu verbessern und noch besser für den Krieg auszunutzen. So wurden auf dem Appellplatz Fußballspiele ausgetragen. Die Häftlinge sprachen sich ab, keine Tore zu schießen, um eine Bestrafung der Verlierermannschaft zu verhindern. Schlecht spielende Spieler wurden von SS-Männern angebrüllt und bedroht. Die Angst vor Bestrafung bei einer Niederlage kommt daher, dass die sowjetische Nationalmannschaft in Kiew barfuß gegen eine deutsche Soldatenmannschaft gewann und daraufhin hingerichtet wurde. Das Fußballspielen am Wochenende wurde grundsätzlich von der Lagerleitung erlaubt, je nach Frontlage aber wieder verboten.

Verfasst von: Philipp K., Maxim B., Justin D.

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